Alser-On-Tour

Unerwartete Wendung der Reise

01.08. – 07.08.2011 Von Kettenspannern, Wasser im Motoröl und anderen nicht unbeachtlichen Mopedproblemen


Da hatten wir uns wohl zu früh gefreut. Wir haben die Tour über den einsamen Dalton Highway zwar unfall- und pannenfrei gemeistert, aber Ulis Moped läuft seit einigen Tagen nicht mehr rund. Morgens braucht die Maschine mehrere Anläufe, um anzuspringen. Mangels eines kompetenten BMW Händlers vor Ort, schicken wir eine Videoaufnahme der Motorleistung an unseren BMW Händler in Deutschland. Unser Mechaniker diagnostiziert, dass der Kettenspanner defekt sein könnte und damit auch die Einstellung der Motor-Steuerzeiten durcheinander geraten ist.

Bewaffnet mit dem BMW-Werkstatthandbuch nimmt Uli die Reparatur in Angriff. „Adventure Cycleworks“ stellt einen überdachten Arbeitsplatz zur Verfügung. Dort werden dann die erforderlichen Arbeiten erledigt. Der Ventildeckel muss runter und die Nockenwellen ausgebaut werden. Danach die Steuerzeit bestimmen, Nockenwellen wieder einbauen, Ventildeckel drauf und dann noch Motoröl wechseln. Insgesamt wird der Eingriff 4 Stunden dauern. Es kommt nicht oft vor, dass eine BMW mit dieser Art von Problemen beim erfahrenen Mechaniker Dan steht. Er steht Uli bei der Arbeit zur Seite und sieht die Herausforderung als Trainingseinheit für sich selbst an und stellt uns am Ende nicht einen Cent für seine mehrstündige Arbeitsbeteiligung in Rechnung, nicht mal für die 3 l Motoröl. Das ist wirklich sehr großzügig von ihm! Es war wohl auch eine willkommene Abwechslung für ihn, denn viele seiner amerikanischen Kunden wollen lediglich einen Reifenwechsel, da sie für den besseren Feldweg Dalton Highway unbedingt nagelneue Stollenreifen aufziehen wollen. Eigentlich unnötig, aber immerhin bringt es Dan ein bisschen Geschäft ein.

Wir sind dankbar, dass wir während unseres unfreiwillig verlängerten Aufenthalts in Fairbanks weiter bei Ramey wohnen dürfen. Wir hoffen, eines Tages diese Großzügigkeit, die wir erfahren dürfen, an andere Reisende weitergeben zu können.

Am 02.08. entschließen wir uns zur Weiterfahrt am folgenden Morgen. Wir hatten in den letzten Tagen verschiedene Optionen überprüft, aber weder eine Fahrt mit der Fähre von Anchorage bis Bellingham oder die Miete eines Kleinlasters zum Motorradtransport kommen finanziell in Frage. Das sprengt unser Budget. Die F800 sollte soweit wieder fit sein, dass sie den Weg bis Vancouver schafft. Dort, oder in Seattle, muss sie dann in eine kompetente Werkstatt, um noch einmal so richtig auf Herz und Nieren überprüft zu werden. Die aufgetretenen Probleme sollten bei der vorhandenen Kilometerleistung von 75000 nicht auftreten, dafür ist das Moped noch zu jung.

 

Nach 5 Tagen bei Ramey heißt es also Abschied nehmen; auch von Björn, der ab heute wieder alleine weiterfährt. Wir starten früh, um in einem Tag die 600km bis Dawson City im Yukon Territorium zu schaffen. In Delta Junction machen wir einen Fotostopp am Anfangspunkt (oder Endpunkt, je nachdem aus welcher Richtung man kommt) des legendären Alaska Highway.

Die Mittagspause verbringen wir in Tok. Bis hierher ist die F800 gut gelaufen, der Spritverbrauch ist ok. Bei der Einfahrt zur Tankstelle in Tok hat sich aber plötzlich die Motorölkontrollleuchte gemeldet. Wir überprüfen den Ölstand - der ist in Ordnung. Wir überprüfen den Luftfilterkasten auf Flüssigkeit - kaum Flüssigkeit vorhanden (es ist deutlich besser als vor einigen Tagen; ehe Uli die Steuerzeiten eingestellt hat). Trotzdem entscheiden wir uns, einen weiteren Ölwechsel an der Tankstelle zu machen. Am Samstag, beim letzten Ölwechsel, war eine nicht unbeachtliche Menge Wasser im Öl. Als das dunkle Öl in die Wanne läuft, stellen wir nur eine minimale Verfärbung fest. Soweit beruhigend.

Diese Maßnahmen haben einige Zeit in Anspruch genommen, so dass wir kurzerhand den Fahrtag beenden und den „Eagle’s Claw Motorcycle Park“ ansteuern. Dieser Campingplatz bietet neben der Übernachtung auch die Nutzung einer kleinen Werkstatt an. Es gibt normale Zeltplätze, aber auch die Möglichkeit, in einem Tipi, in kleinen Holzhütten oder einem ausrangierten Ambulanzwagen zu übernachten. Wir entscheiden uns für letzteren, was uns den Zeltaufbau auf Schotteruntergrund erspart. Unser Campnachbar ist ein BMW-Fahrer aus Mississippi, der uns mit seinem breiten Südstaaten-Singsang zum Schmunzeln bringt. Forrest Gump lässt grüßen.

Die letzten Tage stecken uns doch noch in den Knochen, wie wir gerädert beim Aufwachen feststellen. Insbesondere Uli hatte während der Fahrpause in Fairbanks keine wirkliche Pause, da er sich intensiv um die F800 gekümmert hat. Wir bleiben daher spontan einen weiteren Tag auf dem Campingplatz in Tok, den wir tagsüber ganz für uns alleine haben. Diese Ruhe tut gut.

 

Der nächste Tag ist der 05.August; auf den Tag genau sind es 9 Monate seit unserem Reisestart. Dem Himmel ist aber nicht zum Feiern zumute, nach dem schönen Sonnentag gestern regnet es heute. In einer Regenpause am Mittag entschließen wir uns trotzdem zur Weiterfahrt. Wir haben noch viele Kilometer bis Vancouver vor uns, aber nur noch 13 Fahrtage Zeit.

Kaum haben wir Tok hinter uns gelassen, wird der Regen sehr viel stärker. Wir entscheiden kurzfristig, auf dem Alaska Highway Richtung Whitehorse zu bleiben anstatt links Richtung Top of the World Highway und Dawson City abzubiegen. Wir ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht die Auswirkungen dieser Entscheidung…

Nach einem schnell erledigten Grenzübertritt nach Kanada gönnen wir uns im Grenzort Beaver Creek einen aufwärmenden Kaffee. Es ist arg frisch im Regen, grad mal 10°C zeigt das Bordthermometer an.

 

120km hinter Beaver Creek, mitten im Nirgendwo, bei strömendem Regen, haucht die F800 endgültig ihr Leben aus. Ein denkbar schlechter Moment, denn in keiner Himmelsrichtung ist weit und breit eine Ortschaft in Sicht.

Nun heißt es abwarten und hoffen, dass ein Truck in unsere Richtung fährt und das Moped aufladen kann. Wir sind froh, dass wir am vergleichsweise viel befahrenen Alaska Highway liegen geblieben sind anstatt irgendwo vor Dawson City.

Wir stehen noch keine 5min, als ein LKW über die Hügelkuppe gefahren kommt und bei unserem Anblick sofort anhält. Sollten wir soviel Glück im Unglück haben? Trucker Carl hat nicht nur eine Hebebühne, sondern auch einen fast leeren 7,5-Tonner, in den wir die F800 befördern können. Die F650 hätte zwar auch Platz, aber Carl hat leider nur einen Beifahrersitz. Also opfert sich Uli, die 350km nach Whitehorse auf der F650 zu fahren, während Annaleen im trockenen und warmen LKW sitzen darf.

 

Bei einem Raststopp rufen wir ein Hostel in Whitehorse an und reservieren uns zwei Betten für die Nacht; dann müssen wir uns bei unserer für 23 Uhr erwarteten Ankunft zumindest nicht mehr darum kümmern.

Unser rettender Engel Carl liefert Moped und Annaleen wohlbehalten in Whitehorse ab. Wir sind unendlich dankbar für seine spontane Hilfe und sprachlos, als er nichts dafür haben will. Nicht mal eine Einladung zum Abendessen am nächsten Tag als kleine Entschädigung.

 

Wie wird es jetzt weitergehen? Es gibt unendlich viele Aspekte zu durchdenken. Das werden wir die nächsten Tage tun.

 

Zu den Fotos dieser Woche: USA - Mopedprobleme

 

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