Alser-On-Tour

Der lange Weg nach Islamabad

17.09.-22.09.2012 Atemberaubende Landschaft auf dem Deosai-Plateau, Campen am Fuße des Nanga Parbat und ein langes Geduldsspiel mit der Polizei auf dem KKH


Die Strecke von Gilgit entlang des Indus nach Skardu war langwierig, nicht allzu spannend, aber mit einigen tollen Ausblicken. Nach Beratung mit den anderen Mopedfreunden unserer China-Gruppe beschließen wir, zum KKH zurück über das Deosai-Plateau zu fahren. Von unserem italienischen Freund Marco, der die Strecke zwei Tage vor uns gefahren ist, wissen wir, dass diese anspruchsvoll, aber wunderschön ist.

Schnell finden wir heraus, dass gemeinsam die Route über das Deosai-Plateau zu fahren die richtige Entscheidung war. Wir müssen uns an einigen Geröll- und anderen schwierigen Passagen gegenseitig helfen. Es sind Offroad Einlagen vom Feinsten und auf über 4000m gestaltet sich das (An)Schieben und Rangieren als sehr anstrengend. Die Gegend ist im wahrsten Sinne einfach atemberaubend, die Ausblicke auf diese fast unberührte Landschaft begeistern uns. Das Plateau liegt im Deosai Nationalpark, der eingerichtet wurde, um gefährdete Flora und Fauna, wie zum Beispiel den Himalaya Braunbären, zu schützen. Bären, Grauwölfe oder Schneeleoparden sehen wir keine, dafür einige dicke Murmeltiere, die uns verwundert beobachten.

Die Straße, meistens nicht mehr als ein schmaler Schotterweg, wird grundsätzlich ausgebaut. An manchen Stellen müssen wir über teilweise volleyballgroße Steine hoppeln, was mit der tiefer gelegten F650 ein Kraft- und Balanceakt ist. Aber es gelingt uns, beide Mopeds um- und unfallfrei über die schweren Passagen zu bewegen.

Wir schaffen heute aufgrund der Pistenverhältnisse in 9 Stunden gerade mal 145km und beschließen daher, oberhalb des Ortes Astore einen Platz zum Campen zu suchen. Nahe des Rama-Sees, mit Blick auf den 8126m hohen Nangar Parbat, schlagen wir in 3000m Höhe unsere Zelte in einem Wäldchen auf. Am nächsten Morgen können wir bei sehr gutem Wetter den Blick auf den 9. höchsten Berg der Welt genießen. Einfach unbeschreiblich!

Als wir mit der ganzen Gruppe am Vortag in Astore in einem kleinen Laden ein paar Lebensmittel einkauften, fragten uns zwei Polizisten im Geschäft nach unseren Ausweispapieren und wir mussten unsere Namen und Passnummern auf einen Zettel schreiben. Beim Frühstück am Lagerfeuer am nächsten Morgen tauchen die Polizisten wieder auf. Sie haben festgestellt, dass drei Namen auf ihrer Liste fehlen; genau die drei Personen waren nicht im Laden, sondern sind draußen an der Straße bei den Mopeds geblieben. Es ist ein kleines Rätsel, woher die Polizisten wissen, dass wir genau hier unser Lager aufgeschlagen haben – wir sind immerhin gut 30min von Astore entfernt. Gleichzeitig sollte es einen nicht wirklich verwundern, denn eine Gruppe von 8 großen, bepackten Mopeds fällt schon auf… und so war es wahrscheinlich nicht schwer herauszufinden, wo sich die 10 Ausländer aufhalten.

Mit der komplettierten Liste tuckern die Polizisten zufrieden auf ihrem Mofa wieder ab und wir machen uns auf den Weg Richtung Karakorum Highway. Am späten Nachmittag erreichen wir den Ort Chilas, in dem wir mit einiger Mühe ein einigermaßen akzeptables Hotel finden. Der Ort ist wenig einladend und wir machen uns früh am nächsten Morgen auf den weiteren Weg.

Wir wollen über den Babusar-Pass nach Islamabad. Diese Nebenstrecke von Chilas südwärts verspricht um einiges interessanter (und kürzer) zu sein als die Hauptstraße Karakorum Highway. Leider zieht sich das Wetter zu und es fängt an zu nieseln, wir hoffen aber auf Wetterbesserung auf der anderen Seite der Berge. Die Gruppe hat sich aufgeteilt, da wir die Strecke in individuellem Tempo fahren wollen.

Auf dem Weg Richtung Passhöhe werden wir zwei von einem Polizeiauto angehalten. Man will uns nicht weiterfahren lassen, die Gegend sei zu gefährlich. Aha. Unsere Frage, ob es durch Straßenbeschaffenheit oder Menschen (die Gegend ist immer wieder von Stammesfehden zwischen Sunniten und Schiiten betroffen) gefährlich sei, bekommen wir mangels Sprachkenntnisse nicht beantwortet.

Mit ein wenig Ausdauer schaffen wir es, den Polizisten zu überzeugen, uns weiterfahren zu lassen. Doch 2km später ist endgültig Schluss, als wir an einem Polizei-Checkpoint etwas unterhalb der Passhöhe ankommen. Der diensthabende Commander gibt uns keine Genehmigung zur Weiterfahrt, die Strecke sei zu gefährlich. Wir bohren nach, es muss doch ein Weiterkommen möglich sein, denn die Einheimischen werden ja auch durchgelassen. Der Commander bleibt hart, ruft aber seinen Vorgesetzten an, damit dieser die Entscheidung treffen kann. Dessen bestimmtes "Nein" auf unsere Bitte nach einer Durchfahrtsgenehmigung überzeugt uns schließlich zur Umkehr. Auch das noch! Mittlerweile hat sich der Regen verstärkt und den Weg in eine hübsche Schlammpiste verwandelt. In Schritttempo rollen wir talabwärts, alles geht gut. Auf halber Strecke treffen wir Jose, Pilar, Jeff und Si - sie sind vom gleichen Polizeiauto wie wir aufgehalten worden und diesmal hat sich der Polizist nicht erweichen lassen.

Nach 4 Stunden und lediglich 75km gefahrener Strecke sind wir zurück in Chilas, unserem Ausgangspunkt heute Morgen um 07.30 Uhr. Der Regen wird immer stärker und die Sicht schlechter. Die an den Bergen hängenden Wolken geben dem Industal etwas mystisches, wir müssen uns aber auf die von Dreck und Wasserlöchern zersetzte Straße konzentrieren. Im Tagesverlauf machen wir immer mehr Abstriche bei unserem geplanten Ziel von ursprünglich 350km; schließlich kehren wir nach 4 Stunden und grade mal 160km in einem Hotel entlang des KKH ein. Wir sind müde und völlig durchnässt. Kurz nach uns treffen die Polen Max und Lucas ein, auch Jose, Pilar, Jeff und Si erreichen schließlich das Kohistan Inn. Das wiederum erleichtert die zwei Polizisten, die uns gefolgt waren und ganz aufgeregt fragen, wo unsere 4 Freunde auf den beiden Mopeds bleiben würden. Das konnten wir ihnen nicht beantworten, da wir unabhängig voneinander gefahren waren und wir nicht einmal wussten, wie weit die vier heute fahren würden. Man scheint also ganz genau unseren Verlauf zu verfolgen.

Hier ein paar bewegte Bilder zu den Strecken der letzten zwei Tage:

 

Gegen Abend hört der Regen auf und am nächsten Morgen können wir bei herrlichstem Sonnenschein unseren Weg nach Islamabad fortsetzen. Wir rechnen mit etwa 6-7 Stunden für die verbleibenden 300km.

Wie haben wir uns getäuscht... Wir müssen uns an verschiedenen Checkpoints entlang der Straße immer wieder in Logbücher eintragen. Name, Pass- und Fahrzeugdaten, Woher, Wohin. Ab dem zweiten Checkpoint kurz vor dem Ortseingang von Besham werden wir 6 (die zwei Polen sind eine halbe Stunde nach uns gestartet) von einem Polizeiauto angeführt. Am Ortsausgang von Besham halten wir wieder an einem Checkpoint, wo wir uns zunächst in zwei Logbücher von Polizei und Militär eintragen müssen und anschließend an das nächste Polizeiauto übergeben werden.

Von diesem Checkpoint fahren wir ca. 500m, es geht über eine der Indus-Brücken, nur um direkt nach der Brücke erneut an einem Checkpoint zum Eintrag in das nächste Logbuch halten zu müssen. Hallo? Kopiert doch die Daten von den Kollegen auf der anderen Seite der Brücke. So langsam nervt es, unsere Geduld wird heute wieder arg strapaziert. Obendrein müssen wir noch eine gute halbe Stunde warten, ehe die Eskorte mit dem nächsten Fahrzeug weiter geht. Wir vermuten, dass man uns auf Max und Lukas warten lässt, damit wir gemeinsam eskortiert werden können. So ist es dann auch.

 

Es geht insgesamt nur langsam voran, weil der Wechsel der Polizeieskorten unkoordiniert abläuft. Wir werden immer ungeduldiger, weil wir vor Sonnenuntergang um 18 Uhr in Islamabad ankommen wollen – von unserer geplanten Ankunft zwischen 15 und 16 Uhr haben wir uns schon vor langer Zeit verabschiedet. In der Stadt Mansehra werden wir zu einem Hotel geführt. Dort erzählt man uns, dass ab hier die Straßen (3 Stück führen nach Islamabad) wegen Protesten und "other dangers" gesperrt wären. Welche "andere Gefahren" das seien, kann man uns nicht erklären. Wir bohren nach, denn wir wollen weiter.

Es ist 15 Uhr und wir haben noch gut 140km bis Islamabad. Die Polizisten merken wohl, dass wir uns nicht so einfach abspeisen lassen, denn binnen 2min heißt es, die Straßen wären frei. Weiter geht's! Und plötzlich klappt auch die Übergabe der Polizeieskorte. Mit Blaulicht und Sirene führt man uns durch Abottabad; der auf der Ladefläche stehende und den Verkehr dirigierende Beamte der Anti-Terror-Einheit hat sichtlich Spaß an dieser Aufgabe.

Überhaupt finden wir die ganze Aktion übertrieben; zu keiner Zeit fühlen wir uns gefährdet. Die Menschen winken uns fröhlich zu und bestaunen die merkwürdige Karawane. Als wir zu allem Überfluss einem Polizisten auf einem Mofa folgen müssen, nimmt der Wahnsinn zu und unsere Geschwindigkeit auf 25km/h ab. Das kann alles nicht wahr sein!

80km vor Islamabad werden wir schließlich „entlassen“. Ab hier ist es also nicht mehr gefährlich? Vielleicht haben die Polizisten einfach keine Lust auf den chaotischen Feierabendverkehr von Islamabad, in den wir nun geraten. Vielen Dank.

Es ist dunkel, als wir die Straßen von Islamabad erreichen. Genau das, was wir mit einem frühen Start heute Morgen vermeiden wollten.

Und als wäre der Tag nicht schon anstrengend genug gewesen, meldet sich mitten im Stop-and-Go-Verkehr die Ölkontrolllampe der F800 mit aufgeregtem Blinken. Wir kämpfen uns von der Mitte der Kreuzung an den Straßenrand und lassen den Motor etwas abkühlen. Die Ölstandskontrolle hat keinen Ölverlust gemeldet, auch sonst scheint alles zu stimmen.

Die letzten Kilometer zu unserer Unterkunft bleibt ein erneutes Aufleuchten aus. Die erste Diagnose erweist sich direkt als richtig: der Motorlüfter ist kaputt. Die Ölkontrollleuchte hat sich wohl deshalb gemeldet, weil ohne die Lüftung der Motor heiß gelaufen ist.

Eine Rückfrage bei BMW Pakistan ergibt, dass eine Bestellung 2-3 Wochen dauern könnte. Also funken wir BMW Stilgenbauer an, die uns binnen 5 Tagen einen Ersatzlüfter per Expresslieferung schicken werden.

Nun heißt es wieder mal warten. Zum Glück ist der Schaden vor den Toren der Hauptstadt aufgetreten. Gleichzeitig ist Islamabad kein allzu interessanter und sehenswerter Ort zum Warten. Die Stadt wurde auf dem Reißbrett geplant und sieht entsprechend „quadratisch, praktisch, gut“ aus. Die Unterteilung in sogenannte Sektoren (alphabetisch sortiert) bedeutet, dass jeder Sektor seine eigene Infrastruktur mit allen Einrichtungen hat und es daher kein kommerzielles Stadtzentrum im klassischen Sinne gibt.

Am Freitag, 21.09., kommt es nach den Freitagsgebeten wie in anderen pakistanischen Städten auch in Islamabad zu schweren Ausschreitungen von aufgebrachten Demonstranten. Sie protestieren gegen den (unsäglichen) neuen Film eines Amerikaners, in dem der Prophet Mohammed negativ dargestellt wird. Das Handynetz wurde abgeschaltet, Barrikaden rund um das Botschafts- und Regierungsviertel errichtet und die Hauptstraßen gesperrt. Es herrscht für Stunden aufgeheizte Stimmung. Wir fühlen uns in der Wohngegend, in der sich unser Hotel befindet, sicher und sehen keine Gefahr für uns, bleiben dennoch vorsorglich den ganzen Tag im Haus. Von unserer Dachterrasse können wir mehrere tausend Menschen auf ihrem Weg zum Botschaftsviertel beobachten. Ihr Ziel: die US-Botschaft. Die Fernsehbilder sind erschreckend und zeigen Hass und Gewalt. Kaum vorstellbar, dass dies unweit von uns passieren soll. Denn um uns herum ist alles ruhig. Der Nachbar nebenan scheint sich auch nicht weiter für das Geschehen zu interessieren, er mauert seelenruhig seinen Schornstein. Als wir am folgenden Mittag durch die Straßen von Islamabad gehen und das alltägliche geschäftige Treiben uns anschauen, fällt es schwer zu glauben, was hier am Vortag geschehen sein soll.

 

Seit dem ersten Tag in Pakistan begegnen uns die Menschen freundlich, offen und interessiert. Keine Beschimpfungen, keine Ablehnung, sondern vielmehr Freude, dass wir ihr Land besuchen. Immer wieder werden wir um Fotos gebeten. Islamabad ist vergleichsweise modern und aufgeschlossen, aber in den ländlichen Regionen herrscht die Lebensweise der traditionellen Gesellschaft. Frauen sind selten im Ortsbild auszumachen, sie nehmen nicht am öffentlichen Leben teil und haben einen geringen Stellenwert. Die Männer führen die Geschäfte und haben z.B. sämtliche Jobs in den Hotels inne. Erklärt das vielleicht die mangelnde Hygiene und Sauberkeit in so manchen Unterkünften?

Das Bildungsniveau ist gering, die Analphabetenrate hoch. Wir sehen zwar einige Kinder in Schuluniformen, aber auch viele zu Schulzeiten auf der Straße. Und es fällt auf, dass wir mehr Jungen als Mädchen sehen.

Landschaftlich gesehen ist der von uns bereiste Teil Pakistans ein Juwel, wir haben unfassbar beeindruckende Landstriche durchfahren. Aber die gesellschaftlichen Normen und das Leben hier kommen nicht an uns heran. Dafür sind wir einfach zu mitteleuropäisch.

 

Dieser Link führt zu den Fotos dieser Woche: Pakistan

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