Alser-On-Tour

Unterwegs in Absurdistan - Teil II

09.07.-15.07.2012 Isfahan, Yazd, Kashan und das Kaspische Meer


Mit Isfahan besuchen wir eine der größten Städte des Iran. Rund um die diversen Paläste und Pavillons bietet die frühere Residenzstadt einige große Garten- und Parkanlagen, deren schattenspendende Bäume zum Verweilen in der Mittagshitze einladen. Neben dem historischen Kern mit seinen kulturgeschichtlichen Kostbarkeiten ist die 2mio. Einwohner große Stadt eine moderne Metropole. Wie in allen anderen Städten sind auch hier die Geschäfte und kleinen Läden gefüllt mit Waren für den täglichen Bedarf und darüber hinaus was das Herz begehrt. Ob es das kleine Eisenwarengeschäft ist, die Apotheke, das Lampengeschäft, Mobilfunkläden oder der Einzelhandel – es gibt alles im Überfluss zu kaufen.

In Isfahan begegnen wir zum ersten Mal seit unserer Ankunft vor einer Woche ausländischen Touristen. Wir sind also nicht mehr allein auf weiter Flur :-) Dennoch beäugt man uns offenkundig in den Straßen, viele Einheimische grüßen und fragen uns nach unserer Herkunft. Zwei Mädels warten sogar vor der Toilette am Ali-Qapu-Palast auf uns, um uns in ein Gespräch zu verwickeln.

Wir bleiben zwei Nächte in der Großstadt, was auch an unserer Unterkunft liegt. Zum ersten Mal haben wir ein Hotel gefunden, was uns restlos überzeugt hinsichtlich Sauberkeit, Ausstattung und freundlichem Personal. Diese Kombination ist leider ein seltener Fall während unserer Iran-Zeit.

 

Da unser Reiseführer von der historischen Altstadt von Yazd schwärmt, wird dies unser nächstes Ziel. Yazd liegt am westlichen Rand der sehr trockenen Großen Kavir Wüste im Zentrum des Landes. Die Städte dieser Region verweisen auf eine sehr alte Siedlungsgeschichte, nicht zuletzt aufgrund ihrer Lage an der Heerstraße, die schon vor 2500 Jahren genutzt wurde, bzw. der Verbindung vom iranischen Hochland zum indischen Subkontinent.

Bei nachmittäglichen Temperaturen von 43°C kommt es uns so vor, als hielte einem jemand einen eingeschalteten Fön ins Gesicht. In den hier vorherrschenden Lehmhäusern ist es zwar einigermaßen erträglich, die moderne Erfindung der Klimaanlage ist aber auch hier nicht wegzudenken. Bei unserem Rundgang durch die Altstadt besuchen wir neben Freitagsmoschee und Basar die anscheinend berühmteste Konditorei von ganz Iran: Hadjj Kahlife, wo die Regale voller Baklava und anderen Gaumenfreuden stehen. Die Süßigkeiten sehen alle geschmacks- und zuckerreich aus, die ausschließlich in Farsi gehaltenen Beschreibungen lassen uns aber ratlos. Da kommt ein Mann uns zu und fragt auf Deutsch, ob er uns behilflich sein dürfe. Er stellt sich als Geschäftsführer und Enkel des Gründers, Haji Khalif vor. Der Vergleich mit Opas Konterfei an der Wand bestätigt uns die Familienähnlichkeit. Deutsch spricht er, da er in Stuttgart Chemie studiert und lange Jahre dort gearbeitet hat. Wieder einer dieser Zufälle, die die Welt zu einem Dorf machen. Von ihm bekommen wir dann auch alle Süßigkeiten zum Probieren und er stellt uns anschließend eine kleine Schachtel mit gemischten Köstlichkeiten zusammen.

Weil wir alles an einem Tag abgeklappert haben und die Hitze uns zusetzt, entscheiden wir, am nächsten Tag wieder nordwärts zu ziehen. Yazd bildet damit den südlichsten Punkt unserer Reise im Iran und auch für längere Zeit. Die geografische Lage von 32° nördlicher Breite werden wir erst in Indien wieder erreichen. Bei den Längengraden haben wir zu diesem Zeitpunkt knapp 60° gen Osten durchfahren. Das bedeutet, dass bereits etwa ein Drittel der Strecke bis Neuseeland hinter uns liegt.

Von Yazd fahren wir auf der sehr eintönigen Strecke am Wüstenrand nordwärts nach Kashan, welches wie Yazd seit Jahrtausenden besiedelt ist. Wir beschränken uns bei den Sehenswürdigkeiten auf den Besuch eines früheren Hamam (öffentliches Badehaus) und eines Herrenhauses einer Kaufmannsfamilie. Die Bauweise des Wohnhauses ist den klimatischen Herausforderungen angepasst. Es gibt sowohl Sommer- als auch Winterwohnräume und die Innenhöfe liegen bis zu 7m unterhalb des Straßenlevels. So konnte man besser an das Grundwasser zur Versorgung gelangen. Eine weitere Besonderheit dieser Region sind die sogenannten Windtürme, die die Luftströme einfangen und so als Klimaanlage dienen.

Wir stellen fest, dass die besuchten Orte bisher nicht unsere große Begeisterung finden, was zum Teil an der Darstellung der Sehenswürdigkeiten liegt. Alles wirkt etwas „luschig“ und lieblos hergerichtet. Es fehlen zum Beispiel informative Erklärungen oder in Häusern ausgestellte Einrichtungsgegenstände zur Veranschaulichung und besserem Verständnis. Das ist sehr schade!

Nach einem Ruhetag in Kashan liegt mit gut 400km eine der längsten Tagesetappen vor uns. Wir wollen in das Alborz-Gebirge nordwestlich von Teheran, wo wir uns Abkühlung und frischere Luft erhoffen. Um schneller vorwärts zu kommen, nutzen wir die Autobahn. Die ist zwar laut Schildern für Zweiräder gesperrt, das bezieht sich aber wohl eher auf die kleinen 125 Kubikmeter großen iranischen Mopeds. An den Mautstellen werden wir freundlich durchgewunken, wahrscheinlich weil man eh nicht wüsste, wie man uns tariflich einordnen sollte. Es ist Freitag, der einzig freie Tag der Woche für den arbeitenden Iraner. Wobei das nicht konsequent umgesetzt wird, denn die meisten Geschäfte sind - zumindest für einige Stunden - offen und an vielen Baustellen wird gerbeitet. Wir umfahren Teheran, was trotz voller Autobahn recht flott gelingt. Die iranische Hausmarke bei den Autos ist der Saba-Sapia. Ein paar ausländische Marken gibt es auch: Renault (der Dacia Logan wird hier als Renault verkauft), Peugeot 405 und Kleinwagen von Kia und Toyota. Alle diese Wagen haben maximal 5 Sitzplätze, nicht selten sitzen jedoch 8 oder 9 Personen im Auto.

Zwischendrin taucht im Rückspiegel ein Streifenwagen auf, der sich vor uns setzt und uns zum Anhalten bittet. Die Passkontrolle ist schnell und freundlich erledigt und wir können weiter fahren. Dass wir streng genommen mit Krafträdern nicht auf der Autobahn sein dürften, wird nicht moniert. Allerdings ist der Polizist doch sehr verwundert über unsere deutschen Pässe, wenn wir doch mit AZ das Kennzeichen von Azerbaidschan am Moped haben. Wir verkneifen uns das Grinsen, die Frage ist uns im Iran mehrfach gestellt worden. In den USA hat man geglaubt, wir wären aus Arizona; hier ist Azerbaidschan das naheliegendste.

Schließlich verlassen wir nahe Karaj die Autobahn und biegen auf die Landstraße, die uns über die Berge Richtung Kaspisches Meer bringen soll. Die Idee, an die Küste zu fahren, haben heute mehrere. Es staut sich auf einige Kilometer und mit dem undisziplinierten Verkehrsverhalten der Iraner herrscht völliges Chaos. Wir können uns ab und zu vorbei schlängeln, was von den zahlreichen Polizeiposten an der Straße auch nicht geahndet wird. Wir gönnen uns zwischendrin noch eine Mittagspause und haben nach insgesamt 2 Stunden das Ende (oder den Anfang, je nach Perspektive) des Staus erreicht.

Hier steht mit einem weiteren Polizeiposten die abstruse Wendung unseres Tages, denn der Polizist hält uns an und fordert uns zu zum Umdrehen auf. Mangels einheitlicher Sprache ist die Verständigung mühsam, aber es ist eindeutig, dass er uns nicht weiterfahren lässt. In uns steigt langsam Ärger auf. Wir sind in 6km Stau an so vielen Polizisten vorbeigekommen, von denen uns keiner aufgehalten hat und der allerletzte Kontrolleti stellt sich quer!? Er reicht Uli sein Handy mit einem dem Englischen ein wenig mächtigen Kollegen. Dieser erklärt, dass die Straße für Mopeds gesperrt sei; wir würden mit unseren Fahrzeugen den Verkehr aufhalten und das sei gefährlich.

Uli erklärt, was wir für Mopeds fahren und dass diese ganz sicher leistungsfähiger seien als manch klappriges Auto, was die Bergstraße hoch schnauft. Aber er stößt auf taube Ohren. Stattdessen droht man uns mit Konfiszierung der Motorräder, Arrest und Ausweisung, wenn wir nicht umdrehen und zurückfahren. Auf unsere Frage, wie wir denn an die Küste gelangen können, schlägt der Polizist am Telefon vor, die Autobahn nach Teheran zu nehmen und östlich der Hauptstadt die Passstraße zu fahren. Dieser Vorschlag ist logisch gesehen völlig absurd, denn wir dürften ja gar nicht die Autobahn nutzen. Aber in diesem Land etwas mit Logik zu erklären, ist eh völlig sinnlos, wie wir an unzähligen Beispielen und Situationen feststellen müssen. Hier herrscht eine Willkür, die uns inzwischen sehr frustriert.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Anweisungen zu folgen und einen Umweg von 100km inklusive einer weiteren Durchfahrung von Teheran in Kauf zu nehmen, wenn wir ans Kaspische Meer wollen. Das wirft unsere Pläne der kommenden Tage völlig um. Am Ende des Tages haben wir statt der geplanten 5 gut 9 Stunden auf dem Moped gesessen, denn die Verbindungsstraße östlich von Teheran über die Berge ist gnadenlos überfüllt. Von den 120km Gesamtstrecke verlaufen ca. 80km (in beiden Fahrtrichtungen) nur in Stopp-and-Go-Geschwindigkeit, ausgelöst durch langsame (!!) Fahrzeuge und die Unfähigkeit der Iraner zu einem geordneten Verkehrsverhalten. Und wie zum Beispiel so ein Kreisverkehr funktioniert, zeigt folgendes Video:




Das einzige Highlight dieser Strecke ist der Blick auf den Damavand, mit 5671m nicht nur der höchste Berg Irans sondern auch westlich des Hindukusch.

Genervt und geschafft erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit den Küstenort Mahmudabad. Unsere Mopeds kriegen langsam Durst und wir fragen den Polizeiposten am Hauptplatz nach einer Tankstelle. Den Jungs ist anscheinend langweilig, denn die drei Ordnungshüter springen in ihr Auto und geben uns Zeichen, ihnen zu folgen. Mit voller Festbeleuchtung werden wir zur Tankstelle eskortiert – als ob wir nicht eh schon auffällig genug wären… Tanken im Iran ist eine echte Wohltat für die Seele, denn wir bekommen den Liter Benzin für ca. 0,30EUR. So macht Volltanken wieder Spaß!

Uns fallen am Straßenrand mehrere Männer auf, die ein Pappschild hochhalten. Wir können es zwar nicht lesen, vermuten aber, dass sie Privatunterkünfte anbieten. Weil wir kein passendes Hotel finden, halten wir schließlich bei einem solchen Schilder-Mann. Unsere Vermutung bestätigt sich und er vermietet uns ein akzeptables Apartment mit eigenem Stellplatz, wo wir in Ruhe einige inzwischen nötige Pflegearbeiten an den Mopeds vornehmen können. Direkt um die Ecke ist das Meer. An einer kleinen Bucht sehen wir Einheimischen beim Baden zu, das dreckige Wasser mit der vermüllten Küste hält uns jedoch davon ab. Es ist für uns nur schwer verständlich, dass die Erwachsenen mit langer Bekleidung und Frauen zudem mit Kopftuch schwimmen gehen müssen, um der Verhüllungs-Vorschrift Folge zu leisten.

Nun liegen noch vier Tage vor uns, die knapp 800km bis zur turkmenischen Grenze zu fahren.

 

Zu den Fotos: Iran - Zentrum

 

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