Alser-On-Tour

Unterwegs in Absurdistan - Teil I

02.07.-08.07.2012 Tabriz, Takab und Hamadan im iranischen Hochland


Nach 11 Wochen unkomplizierter Grenzübergänge in 20 europäischen Staaten und der Türkei erfordert die Einreise in den Iran von uns einiges an Geduld und Zeit. Als schließlich unsere Pässe und Carnets (Motorrad-Zollpapier) gestempelt sind und wir nach etwas Suchen auch die nötige Haftpflichtversicherung abgeschlossen haben, sind zweieinhalb Stunden vergangen. Wir haben jedoch sämtliche Schritte alleine erledigt, nachdem wir die hartnäckigen „Schleuser“ abgewimmelt hatten. Mit Überzeugungsvermögen und Geduld bekommt man die Formalitäten problemlos alleine erledigt und das ohne irgendwelche Farsi-Kenntnisse.

Vom Grenzort Maku folgen wir der Hauptstraße nach Tabriz, der größten Stadt im iranischen Nordwesten. Wir bleiben für zwei Tage hier, um uns in diesem sehr fremden Land, in dem wir noch nicht einmal die Schrift lesen können, ein wenig Zeit zur Orientierung zu geben. Als wir durch die Straßen schlendern, bemerken wir die neugierigen Blicke der Einheimischen. Wir sind eindeutig als Ausländer entlarvt, trotz des angepassten Kleidungsstils inklusive Kopftuch für Annaleen.

Einige grüßen freundlich und fragen uns nach unserer Herkunft. Auf die Antwort „Deutschland“ bekommen wir in der Regel ein anerkennendes Nicken oder den „Daumen-hoch“. Unsere Heimat scheint gut anzukommen. Es könnte der Eindruck entstehen, dass nicht allzu viele ausländische Touristen nach Iran kommen, wenn wir gefragt werden, ob wir aus Japan seien … Und wir hatten noch nicht einmal die große Kamera umhängen

Mit den eingetauschten Rial können wir am nächsten Tag in die Provinz starten. Es fühlt sich gut an, mehrere Millionen bar auf der Hand zu haben; schade nur, dass man bei 1,9mio Rial grad mal 80EUR Gegenwert hat.

Der Straßenverkehr stellt uns vor eine größere Herausforderung, es herrscht gelinde gesagt Anarchie. Von Rücksichtnahme keine Spur, man fährt kreuz und quer wie es gerade passt, dass man schnellstmöglich an sein Ziel kommt. Und wie in Südamerika gilt auch hier ein Auto ohne funktionierende Hupe als Totalschaden. Es kann auch schon mal vorkommen, dass man einem Plastikbecher oder anderem Müll ausweichen muss, den der Vordermann aus seinem Autofenster schmeißt. Entsprechend dreckig ist es links und rechts der Straße – ein Umweltbewusstsein steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Unser nächstes Ziel ist das Städtchen Takab im kurdischen Bergland. Wir wählen für die 300km lange Strecke bewusst eine kleinere Straße, denn die Hauptstrecke ist uns zum einen zu voll und zum anderen zu monoton. Von Takab aus unternehmen wir zwei Ausflüge in die nähere Umgebung. Zuerst besuchen wir die Ruine der uralten Kultstätte „Takht-e Soleyman“, die im 6. Jh. von den Sasaniden-Herrschern als Verehrungs- und Opferstätte für ihr „Reichsfeuer der Krieger“ genutzt wurde. Unsere zweite Exkursion führt uns zur Karaftu-Höhle, die sich über mehrere hundert Meter in den weichen Fels erstreckt und ein großes Geflecht aus Gängen und Räumen besitzt. Leider ist in der Höhle nichts über ihre Nutzung früher, z.B. als Wohnort, dargestellt. Denn dass hier Menschen gelebt haben, sieht man an den Räumen mit ihren Feuerstätten und Nischen.

Diesen gut dreistündigen Ausflug machen wir übrigens mit dem Hotel-Manager, der uns nicht nur durch die Höhle führt, sondern uns einiges über das iranische Leben erzählt. Zurück in Takab lädt er uns auf einen Tee in sein Haus ein, wo wir seine Frau und Kinder kennen lernen. Die Wohnzimmereinrichtung verblüfft uns auf den ersten Blick, besteht sie doch lediglich aus Teppich, Kissen und einem Fernseher. Wir sitzen also auf dem Boden, mit den Kissen im Rücken ist das eine recht bequeme Position.

Am Abend findet im Hotel eine kurdische Hochzeitsfeier statt, zu der wir auch eingeladen werden. Allerdings in separaten Gesellschaften, denn Männer und Frauen feiern durch einen Vorhang voneinander getrennt. Eine völlig neue Erfahrung für uns. Viele Frauen tragen festliche Abendgarderobe oder Cocktailkleider, was in krassem Kontrast zu der aufdiktierten Kleidervorschrift in der Öffentlichkeit steht. Sobald sie ein Mann sieht, der nicht zu ihrer (engeren) Familie gehört, müssen die Damen ihren Kopf sowie Arme und Beine bedecken.

Die paradoxen Vorschriften des islamischen Staates verwundern uns jeden Tag aufs Neue. Einerseits dürfen Frauen Auto fahren, andererseits haben sie an der Bushaltestelle einen von den Männern separaten Warte- und Einstiegsbereich und müssen dann im Bus getrennt von den Männern hinten sitzen. Mofa bzw. Moped fahren ist ihnen verwehrt.

Andere Länder, andere Sitten – aber hier herrschen sehr gewöhnungsbedürftige und aus nicht-islamischer Sicht manchmal recht absurde Sitten.

 

Von Takab fahren wir nach Hamadan, das eine mehrtausendjährige Siedlungsgeschichte aufweisen kann und strategisch gut an der alten Königsstraße von Mesopotamien in Richtung Nordosten lag. Als wir gegen Mittag ankommen, ist es sehr heiß. Wie schon in allen anderen Orten zuvor, erregen wir auch hier großes Interesse bei den Menschen als wir stoppen. Binnen weniger Minuten sind die Mopeds umringt. Nach einem kurzen Blick, was den Andrang auslöst, versucht die Verkehrspolizei erst gar nicht, den Massenauflauf aufzulösen.

Wir klappern die im Reiseführer genannten Sehenswürdigkeiten ab und ziehen am folgenden Morgen weiter. Nach einem Besuch der Ali-Sadr-Tropfsteinhöhle fahren wir in Richtung Isfahan, das gut 500km südlich liegt. Da sich die Landstraßen generell in einem sehr guten Zustand befinden, verzichten wir weiterhin auf die Schnellstraßen und Autobahnen.

 

Das Thermometer steigt auf bis zu 39°C und es weht ein heißer Wind über die karge, weite Landschaft. Wassermangel scheint es aber nicht zu geben, denn wir kommen an vielen grünen Oasen und einigen hohen Bäumen vorbei. An so einem Plätzchen wollen wir heute unser Zelt aufschlagen und morgen früh ab 07 Uhr die verbleibenden 300km nach Isfahan abspulen, da die Temperaturen dann noch für Mensch und Maschine auszuhalten sind.

Am späten Nachmittag durchfahren wir das Städtchen Khomeijan, als wir an der Hauptstraße von einem vollbesetzten Polizeiwagen angehalten werden. Der Polizist hat wohl schnell realisiert, wer da auf der F650 sitzt, denn die Unterhaltung findet ausschließlich mit Uli statt. Der Polizist lässt sich Pass und Führerschein zeigen und fragt nach, ob wir denn so große Motorräder überhaupt fahren dürfen. Nach kurzer Zeit hat sich eine größere Zahl Schaulustiger um uns herum versammelt, die das Geschehen interessiert beobachten. Der Polizist bittet uns auf das Revier, man müsse noch „mehr herausfinden“. Auf Ulis Nachfrage, was genau sie denn noch herausfinden wollen, gibt es nur eine ungenaue Antwort. Man müsse etwas über uns recherchieren. Uns bleibt nicht viel übrig, als den Anweisungen zu folgen.

Als wir startklar sind, fährt einer der Schaulustigen mit dem Vorderrad seines Mofas gegen Annaleens linken Seitenkoffer. Sie steigt ab und schnauzt den Iraner wütend an, was die Polizisten zum Aussteigen und Näherkommen veranlasst. Und plötzlich herrscht völliges Chaos. Während Annaleen dem einen Polizisten erklärt, was passiert ist (nämlich nicht viel, eine solche Unachtsamkeit aber wütend macht), ziehen andere Beamte den Iraner von seinem Mofa. Dieser wehrt sich buchstäblich mit Händen und Füßen, so dass ein Polizist sein Pfefferspray zückt. Leider trifft er nicht den aufgebrachten Iraner, sondern seinen eigenen Kollegen mitten im Gesicht und streckt diesen damit zu Boden. Die anderen Schaulustigen debattieren lautstark, der „Anführer“ der Polizisten rennt mit seiner gezückten Kalaschnikoff umher und wir gucken uns irritiert diese groteske Szene an.

Der Mofafahrer wird überwältigt und mit dem Polizeijeep abtransportiert. Ein weiterer Streifenwagen führt uns schließlich zum Polizeirevier, wo auch das Militär und die Krankenwagen stationiert sind. Wir werden in ein Büro gebeten und die Befragung beginnt von neuem. Woher, wohin und wieso. Dass hier zwei ausländische Touristen – und dann auch noch auf großen Motorrädern – durch ihren Ort fahren, verblüfft sie anscheinend ziemlich. Wir werden auch gefragt, ob wir uns sicher fühlen im Land oder ob uns jemand genervt hätte. Ja, wir fühlen uns sicher und nein, bisher hat uns niemand genervt – wir schlucken den Zusatz „und dann kamt ihr“ lieber ungesagt herunter.

Am Ende haben sich drei weitere Beamte unsere Pässe und Führerscheine ausführlich angeschaut und wir haben das Gefühl, dass sie selbst nicht so recht wissen, warum man uns nicht einfach hat weiterfahren lassen. Nach 45min werden wir schließlich mit einer Entschuldigung über die entstandenen Unannehmlichkeiten „entlassen“; sie würden nur ihren Job tun. Wirklich?

Ehe wir gehen, wird Uli gebeten, ein Protokoll zu unterzeichnen, dass wir keinerlei Anklage gegen den Mofa-Rempler erheben. Uli erklärt, dass es sich um Annaleens Moped handelt und dass wenn überhaupt sie das Protokoll unterschreiben sollte. Die Polizisten bitten dann aber doch noch darum, dass Uli mit seiner Unterschrift die von Annaleen bestätigt. Das zeigt, wie viel das Wort einer Frau in diesem Staat gilt.

Den krönenden Abschluss dieses absurden Intermezzos bildet die Polizeieskorte quer durch Komeijan bis zur Stadtgrenze. Es ist wie bei „Rambo“, als John vom Sheriff im Streifenwagen zur Bezirksgrenze gebracht wird.

 

Inzwischen ist es kurz vor Sonnenuntergang und wir hätten es dank der ungewollten Verzögerung nicht mehr im Hellen bis zur nächsten Stadt mit einem Hotel geschafft. Da wir eh zelten wollen, stört uns das zum Glück nicht weiter. Wir finden einen geschützten Platz und schauen später in den Sternenhimmel, der über der dunklen Wüste besonders gut zu sehen ist.

 

Zu den Fotos: Iran – Westen

 

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