Alser-On-Tour

Im Norden Indiens

23.09.-29.09.2012 Tage des Wartens in Islamabad, das Heiligtum der Sikhs in Amritsar und Verkehrswahnsinn in Indien


Unser Aufenthalt in Islamabad zieht sich endlos in die Länge; wir warten auf den neuen Lüfter. Der Expressversand des deutschen gelben Paketzustellers ist alles andere als Express. Unsere Reisefreunde unserer Chinatour sind bereits weiter Richtung Indien gezogen und wir sitzen in Islamabad fest. Viel zu machen gibt es hier nicht, die Stadt ist nicht auf Entertainment ausgelegt.

 

Am Donnerstag, 27.09., können wir endlich wieder aufsatteln. Der neue Lüfter kommt schnell zu seinem Einsatz bei Tagestemperaturen von bis zu 34°C. Heute stehen knapp 340km auf dem Programm, denn wir wollen östlich von Lahore über den Grenzübergang direkt nach Indien. Für den morgigen Tag sind erneute Protestveranstaltungen von Islamisten angekündigt, da wollen wir lieber aus Pakistan raus sein.

Während unserer Pause etwas nördlich von Lahore kommen wir mit einem Pakistani ins Gespräch. Nach dem üblichen Woher und Wohin fragt er uns, ob wir keine Angst vor den Pakistanern hätten. Nein, antworten wir. Hat er denn Angst vor seinen eigenen Landsleuten? Er antwortet mit Ja.

Die Großstadt Lahore können wir zum Glück auf einer Ringstraße umfahren und erreichen am Nachmittag die pakistanisch-indische Grenze. Als wir auf die Zollabfertigung für die Mopeds warten, kommen unsere polnischen Freunde Maciej und Lucasz auf ihren Tenérés angeknattert. Gemeinsam durchlaufen wir die Grenzprozedur. Wir sind die letzte Amtshandlung des Tages, um 16 Uhr wird die Grenze geschlossen. Wir entscheiden uns, noch ein wenig zu bleiben und uns die Grenzshow anzuschauen. Jeden Tag um 17.30 Uhr wird in einer aufwendigen Zeremonie die Schließung der Grenze zelebriert. Inzwischen ist es zu einem richtigen Zuschauermagnet geworden, auf den Tribünen drängeln sich hunderte von Schaulustigen. Und es ist ein unterhaltsames Spektakel! Die Menge tobt, feuert an und feiert ihr Land – auf beiden Seiten der Grenze! Es ist ein kleiner Wettkampf zwischen Indien und Pakistan. Die indischen Grenzwächter haben sichtlich Spaß an der Sache und schwingen ihre uniformierten Beine mit Stolz in bester Can Can Manier in die Luft.

 
Es ist schon dunkel, als wir vier die Straßen von Amritsar erreichen. Wir stürzen uns in das Verkehrsgewühl und schlängeln uns zwischen Bussen, Autos, Eselskarren, Fahrrädern und Mopedrikschas durch die engen Gassen der Altstadt. Wir beziehen Quartier in Sichtweite des Goldenen Tempels, dem höchsten Heiligtum der Sikh Gläubigen. Der Tempel ist bis 2 Uhr morgens geöffnet und so können wir den langen, anstrengenden Tag hier entspannt ausklingen lassen.

Am nächsten Morgen schlendern wir durch die Altstadt und schauen dem indischen Alltagschaos zu. Das permanente Gehupe muss doch langfristig zu Hörschäden führen und es nützt nichts. Keiner reagiert auf das Ertönen des wichtigsten Bauteils eines indischen Autos.

Wir verbringen anschließend viele Stunden im Goldenen Tempel. Dort ist zwar auch der Teufel in Form von vielen Indern los, aber die Atmosphäre ist entspannt und angenehm. Wir beobachten die vielen unterschiedlichen Menschen bei ihrer „Pilgerarbeit“ und stellen fest, dass wir genauso von vielen beobachtet werden. Der Tempel ist ein Musterbeispiel für gelebte Nächstenliebe. Der Eintritt ist frei und offen für jeden Menschen, unabhängig seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Hautfarbe und Gesinnung. Nach den recht intoleranten von Egoismus geprägten muslimischen Ländern (insbesondere dem Kleidungs-Diktat im Iran) empfinden wir dieses etwas Besonderes! Im Tempel gibt es täglich kostenloses Essen für jeden – eine logistische und organisatorische Meisterleistung, denn es werden bis zu 35000 Menschen mit Frühstück, Mittagessen und Abendbrot verköstigt. Auch wir stellen uns an und genießen ein leckeres Mittagessen in einer besonderen Atmosphäre.

 

Nach zwei Nächten in Amritsar ziehen wir weiter ostwärts. Viel haben wir über den indischen Straßenverkehr gehört und gelesen, überwiegend negatives. Alle Berichte bestätigen sich, es ist wirklich ein absolutes Chaos. Rücksichtsloses Fahrverhalten kennen wir schon aus anderen Ländern; hier ist es aber nicht nur die hohe Anzahl an Fahrzeugen auf der Straße (1 Mrd. Menschen wollen schließlich vorwärts kommen) sondern auch die riskanten Überholmanöver der Busse und LKW, die das Ganze so gefährlich machen. Jegliche Aufregung darüber ist zwecklos, denn auch die Inder sind bzgl. ihres Fahrstils absolut uneinsichtig.

Anpassung und die nötige Zurückhaltung, wenn ein Bus auf einen zukommt, sind das beste Mittel in dieser völligen Anarchie zu bestehen. Je näher wir an die Berge kommen, umso weniger wird der Verkehr. Endlich kann man auch mal nach links und rechts der Straße gucken und die grüne, hügelige Landschaft, die wir sehen, gefällt uns gut. Ab und zu sitzen wilde Affen am Straßenrand (so richtig echte; nicht diejenigen, die sonst hinterm Steuer sitzen) und geben der Gegend einen exotischen Hauch.

 

Nach 200km erreichen wir den Ort Mcleod Ganj, seit über 50 Jahren das Zuhause von Tendzin Gyathso. Von wem? Der vielbeschäftigte und hochgeschätzte Mann ist besser bekannt als der derzeitige Dalai Lama, der mit der tibetischen Regierung hierher ins Exil geflüchtet ist. Er ist auch gerade Daheim und wird kommende Woche Seminare geben, was viele Pilger anzieht. Entsprechend schwierig ist es für uns, ein Zimmer zu finden. Das passiert uns selten, dass wir so lange suchen müssen.

Die Tibeter haben diesen Ort für ihr Exil gewählt, weil die - Anfang der 1960er –  abgeschiedene Lage in den Bergen das richtige Umfeld für die gewünschte Ruhe geboten hat. Von Ruhe ist heutzutage aber nichts mehr übrig. Neben den vielen ausländischen Touristen auf der Suche nach Spiritualität oder Aussteigeratmosphäre haben auch die Inder die Kühle der Berge als Erholungsort entdeckt. Leider haben sie nicht nur Einkommen mitgebracht, sondern auch Dreck, Lärm und Hektik. Mcleod Ganj ist zugebaut mit unzähligen Hotelburgen, Gasthäusern, Restaurants und Souvenirläden und wirkt eher trostlos als spirituell.

 

Wir setzen unseren Weg ostwärts am Rande des Himalayas fort, um der Hitze und dem hohen Verkehrsaufkommen zu entgehen. So inspizieren wir noch weitere kolonial-britische Hill Stations  und werden Ende der Woche an der Westgrenze nach Nepal einreisen.

 

Unsere ersten Indienfotos gibt es hier zu sehen:
Indischer Subkontinent

Zum nächsten Kapitel: Der Weg nach Nepal

 

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