Alser-On-Tour

Von Sofia bis Sozopol und weiter in die Türkei

03.06.-09.06.2012 Wir reisen durch das letzte EU-Land auf dem Weg nach Osten und kommen Asien immer näher


Mit dem Grenzübergang von Mazedonien nach Bulgarien betreten wir wieder EU-Boden, gut zu erkennen an dem Schild mit den 12 gelben Sternen auf blauem Hintergrund. Ansonsten fühlen wir uns aber kaum noch wie in Europa, zumal die kyrillische Schrift überall uns alles sehr fremd erscheinen lässt.

Unsere ersten Kilometer in Bulgarien führen uns auf direktem Wege in unsere vor wenigen Tagen für 2 Nächte vorgebuchte Hostel-Unterkunft in Sofia. Gerade mit dem Motorrad ist man auf einen sicheren Stellplatz angewiesen und mit dem Vorbuchen erspart man sich langes Suchen. In den Wohnvierteln von Sofia dominieren die sozialistischen Plattenbauten. Die meisten sind äußerlich in keinem ansprechenden Zustand.

Unsere Unterkunft ist inmitten von einem solchen Wohnviertel, entpuppt sich aber als guter Griff. Von den drei zu vermietenden Zimmern bekommen wir das kleine Apartment zugeteilt, mit eigenem Bad und kleiner Küchenzeile. Das gefällt uns!

Es ist noch immer sehr heiß, das Thermometer steht gegen Abend bei knapp 30°C. Wir nehmen den Stadtbus, der über eine elektrische Oberleitung Strom zapft, in das knapp 15 Minuten entfernte Zentrum. Wir wollen uns der „Sofia Free Tour“ anschließen, einer Stadtführung, die sich über freiwillige Zahlungen der Teilnehmer finanziert. Dieses Konzept kennen wir bereits aus Buenos Aires und Santiago de Chile, wo uns die Stadtführungen viel Spaß gemacht haben. Da wir noch etwas Zeit haben, setzen wir uns in ein Café und beobachten die über den Platz hastenden Geschäftsleute. Beim Bezahlen fällt uns auf, dass die Uhrzeit 18:50 Uhr anzeigt. Äähh… haben wir da was verpasst? Tatsächlich, Bulgarien ist der MESZ eine Stunde voraus. Das war uns bisher nicht aufgefallen, wir haben keinerlei öffentliche Uhren gesehen, die die richtige Zeit angezeigt haben! Tja, wir müssen wohl die Stadtführung auf morgen Abend verschieben :-)

23 Stunden später sind wir dann zur richtigen Zeit am Treffpunkt und lassen uns die folgenden zweieinhalb Stunden wichtige Meilensteine der Geschichte von Bulgarien und Sofia durch unseren Stadtführer Boyko erklären. Die zwölfköpfige Gästegruppe ist sehr international, wir stammen aus sechs verschiedenen Kontinenten! Unter anderem sind zwei Amerikaner, die ihren Militärdienst in Rammstein absolvieren, dabei.

Die Geschichte Bulgariens ist umfangreich und turbulent, letzteres kann man aber auch über die Gegenwart sagen. So beschreibt es uns unser Gastgeber am folgenden Abend, als wir im Gästehaus Corona nahe Gabrovo in Zentralbulgarien sind. Der Pensionsbesitzer Bobi ist ein Fan von Deutschland und vor allem vom dort funktionierenden Staats-System. Bulgarien hat sich vor über 20 Jahren vom Kommunismus gelöst, die Mentalität einiger Verantwortlicher hat sich jedoch nach Bobis Einschätzung kaum gewandelt. Es herrsche noch immer zu viel Korruption und Vettern-Wirtschaft, viele Gelder versickern und kommen nicht bei der Bevölkerung an. Genau dieses hat uns vergangene Woche der Hostelbetreiber in Tirana erzählt, Bulgarien ist also kein Einzelfall. Da fragt man sich, was mit den vielen EU-Geldern passiert, die in diese Region fließen - wie wir an vielen Projekttafeln in Albanien, Mazedonien oder Bulgarien sehen konnten.

 

Unsere letzte Station in Bulgarien ist der Badeort Sozopol am Schwarzen Meer. Aus der kleinen Siedlung ist ein beliebter Strandurlaubsort geworden, insbesondere für bulgarische Touristen. Sozopol ist zugepflastert mit Unterkünften und so macht sich Annaleen an einer zentralen Kreuzung auf die Suche. Wie schon beschrieben, ist eine Unterkunft mit sicherem Stellplatz für unsere Mopeds essentiell. Leider werden wir bei den angefragten Hotels nicht fündig. Dies überhört der neben uns parkende Taxifahrer und spricht uns an. Er zeigt auf sein Haus auf der anderen Straßenseite, wo er privat Zimmer vermietet. Zudem bietet er uns seine Tiefgarage an und so haben wir 2 Minuten später ein Quartier für zwei Nächte. Manchmal ist der Zufall doch der beste Helfer!

Nach einem Entspannungstag am Strand von Sozopol geht es am 09. Juni 2012 zur türkischen Grenze. Die gut zu befahrene Straße schlängelt sich von der Küste weg durch hübsches Hügelland. Ab Tsarevo wird der Straßenzustand jedoch katastrophal. Der Asphaltbelag ist ein einziger zerlöcherter Flickenteppich. Die Priorität der zu erhaltenden und zu pflegenden Straßen liegt eindeutig bei der Autobahn; wir haben mehrere kleinere Straßen in einem solchen Zustand erlebt.

Die Grenzformalitäten sind schnell abgewickelt und schon sind wir in der Türkei. Es ist an Ironie kaum zu übertreffen, dass sich die Straßenzustände umgehend verbessern, kaum dass wir das EU-Gebiet hinter uns gelassen haben.

Wir sausen auf einer gut ausgebauten mehrspurigen Straße Richtung Edirne, noch nicht ahnend, dass uns ab dem nächsten Tag folgender Verkehrswahnsinn erwarten wird:

 

Von unseren Freunden haben wir einen Campingplatz in Edirne empfohlen bekommen und folgen so dem Wegpunkt im GPS. Dieser führt uns in das kleine Bauerndorf Arpaç, von einem Campingplatz ist hier aber weit und breit nichts zu sehen. Wir halten am Straßenrand im Schatten unter einem Nussbaum, um sowohl unsere Mittagsbrote zu verspeisen als auch jemanden nach dem Campingplatz zu fragen. Wir haben noch den letzten Bissen Salamibrot in der Hand als eine Bäuerin zu uns kommt. Natürlich verstehen wir kein einziges Wort von ihrem Türkisch und sie leider kein Deutsch oder Englisch. Sie zeigt immer wieder auf ihren Hof und macht eine Essens-Geste. Wir versuchen ihr zu signalisieren, dass wir just gegessen haben.

Sie zieht schließlich wieder von dannen. Mit dem Begriff Camping konnte sie nichts anfangen, ebenso wenig ein Junge aufm Mofa, den wir angehalten hatten. Inzwischen haben wir unseren Computer aus der Tasche gezogen und festgestellt, dass die GPS-Koordinate falsch übertragen wurde. Der Campingplatz scheint noch 20km entfernt zu sein. Wir wollen uns gerade abfahrbereit machen, als die Bäuerin wieder auftaucht. Diesmal in Begleitung einer weiteren Frau, vermutlich ihrer Mutter. Die beiden haben eine Plastikflasche mit dem türkischen Joghurtgetränk Ayran und einen halben Laib Brot dabei, was sie uns strahlend überreichen. Unsere Zeichen, dass wir sie mangels türkischem Geld nicht bezahlen können, winken sie ab. Wir danken für das Geschenk, worüber die beiden sich noch mehr freuen und Annaleen herzlich drücken.

Während die beiden Türkinnen noch auf uns einplappern, kommt der Junge mit dem Mofa zurück. Wir verstehen aus seinem Sprachen-Kauderwelsch, dass er den Campingplatz gefunden hat und er uns jetzt hinführen will. Na, da sind wir ja gespannt. Plötzlich taucht ein Opa auf dem Fahrrad auf, der war vor einigen Minuten schon freundlich grüßend an uns vorbeigefahren. Er drückt Uli zwei Hände voll mit Pflaumen in die Hand und schon ist er wieder weitergefahren.

Wenn das bei jedem Stopp so geht, brauchen wir bald einen Anhänger. Der Campingplatz erweist sich übrigens als Picknickplatz außerhalb vom Dorf und toll zum Zelten. Heute ist aber das erste EM-Spiel der Deutschen Nationalelf - daher entscheiden wir uns doch für den Campingplatz in Edirne.

Von hier aus geht es am nächsten Morgen nach Istabul.

 

Zu den Fotos dieser Woche: Europa – Bulgarien

zum nächsten Kapitel: Türkei - Istanbul

 

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