Alser-On-Tour

Im Reich der Mitte

07.09.-10.09.2012 Ein bisschen China und viel Warterei zwischen Torugart Pass und Kunjirap Pass


Unsere erste Nacht in China verbringen wir im Städtchen Artush. Nach deutschen Maßstäben wäre Artush eine Großstadt, in China gilt es mit ca. 100.000 Einwohnern als Kleinstadt. Die Gegend ist geprägt von Kirgisen und Uiguren und damit vorwiegend islamisch. Verbunden mit dem chaotischen Straßenverkehr fühlen wir uns prompt an Iran erinnert.

Unser Konvoi von 10 Motorrädern erregt große Aufmerksamkeit bei den Einheimischen. Auf dem Parkplatz des Hotels bildet sich binnen weniger Minuten eine große Menschentraube. Wir sind umringt von Neugierigen, die mit großen Augen sowohl die Mopeds als auch uns bestaunen und fotografieren. Die Parkplatzwächter haben einige Mühe, die Versammlung aufzulösen. Auch als wir am Abend zu Fuß unterwegs sind, werden wir interessiert beäugt. In der Burgerbude, wo wir mit Jeff und Si chinesische Hamburger futtern, bittet man uns um ein gemeinsames Foto – wir fühlen uns wie Promis :-) Es scheint so, als ob sich nicht viele ausländische Touristen hierher verirren.

In Artush müssen wir am nächsten Tag einiges an administrativen Botengängen erledigen, hier erfolgt die polizeiliche Registrierung inklusive Aushändigung des chinesischen Führerscheins und des Nummernschildes. Ohne diese dürfen wir nicht in China fahren; dass wir bereits 200km seit der Grenze ohne chinesische Papiere gefahren sind, um nach Artush zu kommen, scheint keinen zu stören.

Der Wecker klingelt früh, da wir um 06.30 Uhr frühstücken müssen. Behörden, Hotels, Zugfahrpläne oder auch Flüge richten sich nach der Peking-Zeit, die 2 Stunden voraus geht. Es ist also dem Hotel nach schon 08.30 Uhr. Dieser Zeitunterschied hat schon gestern am Treffpunkt mit unserem Begleitfahrzeug für Verwirrung gesorgt und wird es auch die nächsten Tage noch tun und Dinge unnötig verkomplizieren. Zum Frühstück gibt es Gerichte, die unsere Mägen eher zum Mittag- oder Abendessen erwarten. Brot und Marmelade sind nicht in Sicht, dafür Sojasprossensalat, Reissuppe oder scharf gebratene Nudeln. Und das vor 7 Uhr.

 

Alle für Führerschein und Nummernschild notwendigen Daten haben wir schon vor Monaten an unsere Reiseagentur übermittelt. Darum ist es mehr als verwunderlich, warum wir am Ende des Tages geschlagene 7 Stunden auf die Papiere haben warten müssen. Unser Reiseleiter scheint sehr unerfahren zu sein, er kann keine unserer Fragen nach dem zeitlichen Ablauf konkret beantworten und scheint sich auch nicht sicher zu sein, welche Stationen wir in welcher Reihenfolge ablaufen müssen. Von der Zulassungsstelle fahren wir 10km zur Polizei, nach erfolgloser Warterei von ca. 1 Stunde geht es von dort wieder zurück in die Innenstadt zur Fahrzeugkontrolle (die schließlich und endlich nicht stattfindet) und nach weiteren gut 60min wieder die 10km zurück zur Polizei; wo wir erst einmal 90min darauf warten müssen, dass die Sachbearbeiter ihre Mittagspause beenden und mit der Bearbeitung unserer Papiere überhaupt anfangen.

Die Warterei und Ungewissheit über den weiteren Ablauf ist anstrengend und nervig, aber der guten Stimmung in der Gruppe tut es keinen Abbruch. Das ist das einzig positive gestern und heute.

Am späten Nachmittag, mit mehreren Stunden Verspätung, fahren wir die 40km nach Kashgar. Hier werden wir zwei Nächte bleiben. Das Hotel ist hart an der Grenze des Akzeptablen, neben einer intensiven Reinigung wäre eine grundsätzliche Renovierung dringend nötig.

 

Unseren freien Tag in Kashgar verbringen wir mit einem Stadtrundgang. Kashgar erinnert sehr an die anderen zentralasiatischen Städte von Tabriz bis Tashkent: Straßenhändler, großer Basar, viel Lärm, Dreck und heruntergekommene Gebäude. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die chinesische Regierung Kashgar zu einer modernen Metropole umbauen lässt und somit viele Hochhäuser zwischen den alten Häusern aufragen. Ein bizarrer Kontrast. Kashgar gilt als kulturhistorisch wichtigste Stadt Zentralasiens und bildet einen bedeutenden Knotenpunkt der Seidenstraße. Durch die Modernisierung der Chinesen wird fast die gesamte Altstadt Kashgars abgerissen, lediglich ein kleiner Teil soll als Freilichtmuseum für die Touristen zur Anschauung erhalten bleiben.

Am Sonntag verlassen wir Kashgar Richtung Süden. Zunächst besuchen wir den wöchentlichen Viehmarkt außerhalb der Stadt. Hier wird Vieh jeglicher Art ver- und gekauft; vom Schaf bis zum Kamel ist alles dabei. Es wird gehandelt und gefeilscht, der Lärmpegel ist entsprechend hoch. Auch bei den Tieren.

Unsere heutige Tagesetappe geht über 200km südwärts nach Tashkorgan, wo wir unsere letzte Nacht in China verbringen werden. Wir fahren nun auf dem legendären Karakorum Highway, der uns in ein immer enger werdendes Tal und schließlich in die Berge führt. Die Aussicht wird immer beeindruckender. Am Karakol See machen wir Mittagspause, ehe wir uns auf den nächsten Pass in 4100m Höhe schrauben.



In Tashkorgan befindet sich die Grenzabfertigung zwischen China und Pakistan. Ohne diesen Grenzposten wäre die Stadt nichts weiter als eine kleine Siedlung, so aber gibt es breite Straßen und sogar Ampeln für die paar Fahrzeuge.

Als wir morgens um 08.15 Uhr bei der Pass- und Zollkontrolle ankommen, ist diese noch nicht einmal geöffnet. So viel also dazu, dass alle Behörden nach Peking-Zeit (ergo ist es 10.15 Uhr) arbeiten.

Hier eine kurze Beschreibung der Passkontrolle:

Von unseren auf der Gebäuderückseite geparkten Mopeds müssen wir unser Gepäck abschnallen, das Gebäude einmal umrunden und auf der Vorderseite betreten. Wir durchqueren die Schalterhalle Richtung Ausgang und legen, wie uns gesagt wurde, unsere Taschen vor der Hintertür ab. In der Warteschlage am Schalter, vor dem wir brav aufgereiht in einer Linie stehen, wird jeder Pass genau kontrolliert, aber nicht abgestempelt. Durch den Beamten am Schalter erfolgt eine weitere Prüfung des Passes. Dieser wird aber jetzt mit Ausreisestempel versehen. Anschließend nimmt man das Gepäck, welches nicht kontrolliert wurde, wieder auf und geht durch den Hinterausgang hinaus. Dabei wird von einem weiteren Grenzbeamten, der einen schon die letzten 10min in der Schlange hat warten sehen und die Passkontrolle beobachtet hat, ein weiteres Mal der Reisepass auf Visum und Stempel geprüft.

Da ist es eigentlich ein Wunder, dass wir insgesamt „nur“ gute zwei Stunden für die komplette Ausreiseabfertigung benötigen.

Um 11 Uhr sind wir endlich entlassen und abfahrbereit. Als wir unsere Motoren starten, wird uns mitgeteilt, dass wir von hier ab bis zur Staatengrenze am Kunjerab-Pass dem pakistanischen Behördenfahrzeug, was seit geraumer Zeit neben unseren Mopeds parkte, zu folgen hätten. Es ist zwar unverständlich, aber wir tun wie man uns befiehlt. Wir rollen vom Zollhof und direkt nebenan auf die Tankstelle, weil der Jeep tanken muss. Hätte der das nicht in den letzten zwei Stunden Wartezeit erledigen können? Nun gut, schließlich sind wir unterwegs und fahren unsere letzten 125km in China. Auf der Passhöhe des Khunjerab in 4700m Höhe machen wir Pause und ein paar Fotos der Gruppe. Ein Beamter des pakistanischen Polizeipostens gesellt sich dazu und hat sichtlich Spaß an unserer Fotosession.

 

Die Passkontrolle auf pakistanischer Seite befindet sich in Sost; bis dorthin haben wir 85km Straße und 1700 Höhenmeter zu überwinden. Wegen Grunderneuerung und Asphaltierung der Straße sind die ersten 50km eine einzige große Baustelle, teilweise mit kniffligen Schotterabschnitten und Wasserdurchfahrten. Gepaart mit dem fantastischen Panorama um uns herum macht es das zu einem spannenden und interessanten Teil des legendären Karakorum Highways. Die Bauarbeiter winken uns freundlich zu, an den zwei Checkpoints der Polizei und Nationalparkverwaltung fragt man interessiert nach dem Woher und Wohin – die Begrüßung fällt um einiges positiver und höflicher aus als bei den Chinesen.

Auch die Einreiseformalitäten für Fahrer und Moped werden effizienter und freundlicher erledigt als beim großen Nachbarn. Willkommen in Pakistan, heißt es von allen Seiten.

 

Gut 100m vom Zollgebäude entfernt finden wir ein Hotel für die Nacht und sind gespannt auf den weiteren Verlauf und die nächsten Tage entlang des Karakorum Highways.

 

Zu den Fotos dieser Woche geht es hier: China

Zum nächsten Kapitel: Karakorum Highway

 

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